Ein anderes SRG-Mitglied klagt diese Woche (versprochen: es ist das letzte Mal, das ich an dieser Stelle eines wörtlich zitiere):
DEUTSCH AM RADIO
Mich ärgert es auch, wenn am Radio statt des Genetivs der dialekthörige Dativ verwendet wird, wenn Leute mit an sich guter Schulbildung Nominativ- und Akkusativform nicht auseinanderhalten oder unsinnige Worte wie ‘Menschenrechtsverstösse’ statt ‘Menschenrechtsverletzung’ oder dann ‘Verstösse gegen die Menschenrechte’ verwenden. Ich werte es als Zumutung, dass Leute am Radio etwas zu sagen haben wollen und sich dafür auch bezahlen lassen, die ihrer Bildung gemäss Deutsch korrekt sprechen können sollten mit der Sprache fahrlässig umgehen. Ich habe Mühe, die Aussage Jemandes ernst zu nehmen, von dem ich annehmen darf, dass er Gelegenheit gehabt hat – oder gehabt haben sollte – richtig und verständlich zu formulieren ,der sich aber keine Mühe gibt, sein Arbeitsinstrument, die Sprache gekonnt zu verwenden, ganz besonders auf DRS 2 und wenn das Ganze als Kultur daherkommt. Ich meine, mit der Sprache richtig umzugehen sollte nicht als Schikane empfunden werden sondern als Kulturgut Freude bereiten. Wer von ‘Menschenrechtsverstössen’ spricht, ist nach meinem Urteil nicht voll bei der Sache, nicht so voll jedenfalls, wie es die Rede über Menschenrechte eigentlich verdient.
1. Punkt: “Menschenrechtsverstösse” ist nicht unsinnig – ich verstehe jedenfalls, was gemeint ist. Von den Wortbildungsprinzipien her sehe ich kein Problem. Man könnte sich höchstens daran stossen, dass man eigentlich gegen Gesetze verstossen und Rechte verletzen kann. Allerdings sind die Menschenrechte auch kodifizierte, geschriebene Gesetze. Und darum tönt das Wort für mich nicht falsch.
2. Punkt: Dativ verdrängt Genitiv: Da können Sie noch so altgelehrt daher kommen und die alte Schreibung “Genetiv” verwenden. Wer unsere Proseminararbeit gelesen hat, weiss, wie gern ich des Genitivs gedenke. Funktional gesehen ist das Festhalten an bestimmten Kasus Mumpitz, man könnte genauso gut den Vokativ zurück fordern. Präpositionen und Relativsätze können Beziehungen zwischen Nomina differenzierter ausdrücken als ein Nomen im Genitiv. Zum Beispiel in der Fügung “die Beschreibung des Angeklagten”: Beschreibt der Angeklagte (genitivus subiectivus) oder wird der Angeklagte beschrieben (genitivus obiectivus)? In einem anderen Anwendungsgebiet, dem Genitiv bei Präpositionen, erfüllt er überhaupt keine semantische Funktion (vgl. wegen des Regens / wegen dem Regen). Der Einsatz bestimmter Kasus ist hier sprachhistorisch bedingt, aber eigentlich spielt es keine Rolle, in welchem Fall das Nomen steht (vielleicht heisst es in 100 Jahren “wegen den Regen”).
3. Punkt: der “dialekthörige” Dativ: Halte ich für eine Stilblüte. An der Verdrängung des Genitivs aus der gesamten deutschen Standardsprache tragen nicht die Deutschschweizer Radiosprecher Schuld.
4. Punkt: Sprache soll nicht Freude bereiten. Sprache dient der Kommunikation und kann Freude bereiten. Auch in Kultursendungen auf Radio DRS 2. Auch, wenn sie nicht 100-prozentig korrekt angewandt wird.
5. Punkt: Ich werte es als Zumutung, dass Leute, die auf der Internet-Meinungsplattform der SRG etwas zu sagen haben wollen und die ihrer Bildung gemäss Deutsch korrekt schreiben können sollten, mit der Interpunktion fahrlässig umgehen und mit der Syntax auf Kriegsfuss stehen:
Ich werte es als Zumutung, dass Leute am Radio etwas zu sagen haben wollen und sich dafür auch bezahlen lassen, die ihrer Bildung gemäss Deutsch korrekt sprechen können sollten mit der Sprache fahrlässig umgehen.

