• 29 Sep 2006 /  Allgemein

    Nichts Neues: Die werbeorientierte Gesundheitskommunikation schert sich nicht um sprachliche Prinzipien. Dieser Artikel handelt von Leerzeichen, die dort nicht sein dürften und zusammenhanglosen Aufzählungen von Nomen. So lauten nämlich die Rezepte für die Kreation eines passenden Titels fürs nächste Gesundheitsheftli.

    gesundheits_presse

    Wenn die Anzeiger Luzern AG eine Publikation mit diesem Titel gratis an die Haushalte verteilt, dann sind wir im Deppenleerzeichen-Land. Es gibt keinen vernünftigen Grund, weshalb man “Gesundheits-” und “Presse” auseinander schreiben soll. Der erste Teil ist noch nicht einmal ein eigenständiges Wort. Anders im Beispiel aus dem Titel: Im bekannten Roman gibt es (wohl) eine Figur namens “Schlafe”, die einen Bruder hat, und “Schlafes” ist der Genitiv von “Schlafe”. “Gesundheits” ist aber nicht der Genitiv zu “Gesundheit”. Das “-s” ist ein Fugen-s, das aus klanglichen Gründen in manchen zusammengesetzten deutschen Komposita eingefügt wird. Darum: “Gesundheitspresse”. Vielleicht haben die Schöpfer dieses Titels gedacht, das klinge “irgendwie blöd”, man assoziiere dann vielleicht mit “Zitronenpresse”. Das mag Ihnen jetzt vielleicht sauer aufstossen. Besonders, wenn Sie an die Patienten mit Langzeitpflegebedarf denken, die wegen der geplanten Neuregelungen in der Schweizer Gesundheitspolitik stärker ausgequetscht werden. In dieser Hinsicht liegt die Assoziation mit der Zitronenpresse eigentlich noch nahe. Aber weder das sprachliche noch das politische Problem lassen sich mit der inkorrekten Getrenntschreibung lösen.

    Kleiner Exkurs für Sprachinteressierte
    Da können Sprachhüter noch so flennen: Das zusammengesetzte Nomen, das immer häufiger auseinander geschrieben wird, und der Genitiv, der aus immer mehr angestammten Positionen verschwindet und durch Präpositionen ersetzt wird, haben im Deutschen eine Präzisionsschwäche gemeinsam. Sie fassen nämlich mehrere semantische Beziehungen zwischen z.B. zwei Nomen zusammen. Das Kompositum “Zitronenpresse” zum Beispiel geht um eine Presse, die Zitronen auspresst. Das Kompositum “Gesundheitspresse” dagegen quetscht nicht Gesundheit aus, sondern handelt von Gesundheitsthemen. Es gibt ein anderes Beispiel, das man oft zu hören bekommt. Es funktioniert als Kompositum und als Genitiv: “die Elternliebe” oder “die Liebe der Eltern”. Sie glauben mir nicht? Gut, hören Sie sich folgende zwei Beispielsätze an:

    (1) Tom hatte als Kind nie genug Elternliebe (Liebe der Eltern) erhalten.
    (2) Tom brachte es trotz aller Elternliebe (Liebe der Eltern) nicht übers Herz, sein Vorhaben aufzugeben.

    Bei Beispiel 1 ist die Liebe gemeint, die von den Eltern ausgeht, die die Eltern verspüren. Bei Beispiel 2 geht es um die Liebe, die Tom gegenüber seinen Eltern fühlt. Wer von Ihnen Latein hatte, wird den Genitiv aus Beispiel 2 noch als “genitivus objectivus” in Erinnerung haben. Im Deutschen klingt dieser Genitiv antiquiert, man würde das Kompositum wählen oder eine Konstruktion mit Präposition:

    Tom brachte es trotz aller Liebe zu seinen Eltern nicht übers Herz, sein Vorhaben aufzugeben.

    Deshalb tun mir Komposita mit Deppenleerzeichen und das leise Schwinden des Genitivs auch nicht so weh, wenn sie im Laufe des Sprachwandels Alternativen Platz machen, die es uns ermöglichen, uns präziser, wenn auch nicht unbedingt eleganter auszudrücken.

    Es gibt noch ein anderes lustig benanntes Medienprodukt in der Schweizer Gesundheitskommunikation, nämlich diese hier:

    Gesundheit Sprechstunde

    Hier kommt es noch besser: Gesundheit und Sprechstunde, das hat zwar irgendwie etwas miteinander zu tun, aber nicht syntaktisch. Eine Gartenzeitschrift könnte dementsprechend etwa “Blumentopf Gartenarbeit” heissen. Eine Gesundheitssprechstunde wäre zwar möglich, aber doch etwas sperrig und stilistisch ein Graus. Der Titel klingt fast so, als hätten sich die Macher zwischen zwei Begriffen nicht entscheiden können. Die Überlegungen könnten folgendermassen abgelaufen sein: “Gesundheit, das tönt so allgemein, so viel Verantwortung wollen wir für unsere Inhalte nicht übernehmen. Und Sprechstunde, das tönt so unangenehm nach klinisch riechendem Wartezimmer, nach Verbindlichkeit und Ausziehen vor dem Arzt. Dann schreiben wir halt Gesundheit Sprechstunde, das ist sehr angenehm und ein wenig unangenehm, macht zusammen also immer noch leicht angenehm. Und schliesslich wollen wir auch, dass die Leute etwas in unserem Online-Shop bestellen. Das tun sie nur, wenn es ihnen wohl ist. Also, gebongt.” Es könnten natürlich auch viel rationalere Gedanken dahinter gesteckt haben, aber sprachlich ist der Produkttitel wirklich hässlich. Nichts als eine Aufzählung von Nomen, die ein wenig mit einander zu tun haben.

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