Nein, ich meine nicht Michael Moores Film über das US-amerikanische Gesundheitswesen (den ich mir irgendwann noch antun muss), sondern den Sprachhüter, studierten Romanist, Autor mehrerer populärwissenschaftlicher Bücher, Spiegel-Online-Kolumnist und – unerwarteterweise – Stand-up-Comedian Bastian Sick.
“Sprachhüter”, so nannte ich eingangs Sick. Sprachhüter sind selbst ernannte Hüter der einzig wahren und guten Sprache. Das Wort ist eine Übersetzung für Steven Pinkers Begriff “language maven“. Steven Pinker verurteilt diese Sprachhüter, denn sie halten an einem Stand der Sprache fest, die nicht zu vereinen ist mit dem Phänomen Sprache, welches sich dauernd im Fluss befindet (vgl. hierzu auch meine Posts zum Thema “die irrationale Angst vor dem Sprachzerfall“). Pinker ist ein Sprachpsychologe/Psycholinguisten, der ironischerweise selbst populärwissenschaftliche Bücher zum Spracherwerb schreibt. Bastian Sick würde ich zu diesen Sprachhütern zählen, Wolf Schneider ebenfalls. Sick ist aber ein eher untypischer Sprachhüter; lesen Sie selbst:
Mit einigen Kollegen suchte ich vergangenen Dienstag das Zürcher Volkshaus auf, zwecks Ergötzung an sprachlichen Missgeschicken anderer. Item nahmen wir in der ersten Reihe Platz, ohne zuvorderst zu sitzen – es gab noch eine Reihe null.

Gut besucht: Mit seiner locker-humorigen Art, sprachliche und stilistische Fragen zu präsentieren, füllt Sick die Hallen

Minimalistisch, aber mehr brauchte es ja auch nicht: Hauptsächlich fand die Lesung hinter diesem Schreibtisch statt. Auf dem Hocker fläzte Sick sich nur, um seine Diaschau zu präsentieren.
Viele der Episoden waren schon aus den drei “Genitiv”-Büchern bekannt. Die Bildbeispiele lockerten die Lesung auf. Unerwarteterweise baute Sick auch Inszenierungen ein, wie man sie sonst nur von Comedy-Stars wie Mittermeier kennt. Das Kapitel über Jugendsprache beispielsweise: Sick liess eine Handpuppe die Jugendsprüche aufsagen. Langweilig waren für mich die paar Dutzend Beispiele, in denen Sick Verben mit regelmässiger Konjugation in ablautende unregelmässige Verben verwandelte. Weniger wäre hier mehr gewesen.
Das alles fügte sich zu einem Abend zusammen, der weniger lehrreich, dafür umso unterhaltsamer daher kam. Aber – um Sick-Kritikern etwas Wind aus den Segeln zu nehmen – mehr wollte Sick auch gar nicht. Und das ist auch gut so: Wer käme schon an eine staubtrockene Lesung, die die Produktivität des Suffixes “-bar” diskutiert? Viel lustiger ist es doch zu sagen, dass in letzter Zeit sogar Wortklassen ein “-bar” angehängt erhalten, bei denen dies bislang gar nicht möglich war (z.B. “unkaputtbar”).
Sick unterliess es, seine Lösungen als die einzig richtigen darzustellen. Das ist auch gut so: Als Linguist hätte ich schon den einen oder anderen Einwand gemeldet.
Aber das interessiert doch alles nicht. Sicks grosse Leistung besteht darin, bei einer breiten Menge von Leuten deren Feingefühl für Sprache zu wecken. Mit Comedy hat er einen guten Zugang gefunden. Einen besseren als alle anderen Sprachhüter vor ihm.