30 Jan 2007 /
Allgemein
Jüngst ging wieder eine beispiellose Gewalttat durch alle Medien. Jugendliche hatten in Ostdeutschland ein Mädchen als Geisel genommen und ein Ehepaar umgebracht. Schnell war die Ursache gefunden: Einer der Täter spielte offenbar gerne gewalttätige Videospiele. Unmittelbar vor der Tat, so die Schilderung des Geiselopfers in “Stern TV”, hätte das Mädchen zusammen mit den beiden Jungen den Film “Final Fantasy” angeschaut – angeblich ein Gewaltvideo, wie die “Süddeutsche” schrieb. Und davon gebe es auch ein Videospiel. Welch tolle Logik. In der Öffentlichkeit entfacht eine Debatte um ein Verbot gewaltverherrlichender Spiele. Auch “10 vor 10″ berichtet, interviewt wird Medienpädagogik-Experte Daniel Süss (der mir im Übrigen die Lizentiatsarbeit abgenommen hat). In der Diskussion meldet sich auch noch das Oberhaupt der katholischen Kirche zu Wort, gewaltverherrlichende Spiele seien pervers. Die moralische Instanz drückt auf dieser, die politikbeobachtende auf der anderen Seite auf die Legislative. Bevor es nun dazu eskaliert, dass kein Europäer je mehr eine Folge von “Final Fantasy” zu Gesicht bekommen darf, möchte ich zwei Dinge klarstellen:
- Die Forschung konnte bislang keinen direkten Wirkungszusammenhang zwischen Gewalthandlungen und dem Konsum entsprechender Medien feststellen.
Es gibt verschiedene Theorien der Medienwirkungsforschung, die den Zusammenhang zwischen realer und Mediengewalt zu ergründen versuchen. Ganz grob unterscheiden lassen sich die Stimulationsthese, die besagt, dass Mediengewalt zur Ausübung echter Gewalt stimuliert, und die Katharsisthese, die für eine “Reinigung” des Bedürfnisses nach Gewaltausübung im Konsum von medialer Gewalt plädiert. Es existieren hunderte Studien und mindestens fünfzehn weitere Thesen. Was man jedoch trotz geringen Konsens’ immer wieder liest, ist, dass Mediengewalt nur ein Faktor in der Lebenswelt eines Menschen ist, der zur Ausübung realer Gewalt führen kann. Genauso muss man die Lebenssituation, psychische Dispositionen, Aggressionstheorie, Erziehung, familiäres Umfeld, Medienkonsumgewohnheiten etc. in Betracht ziehen. Die Forschung zeigt auch, dass die Eindringlichkeit (Real- vs. Trickfilm, explizites Zeigen eines Mordes vs. Schnitt vorher etc.) und die Motivation der dargestellten Gewalt (Gewalt als Selbstverteidigung, “sinnlose” Gewalt) auf die Wirkung Einfluss nimmt.
- Final Fantasy ist weder Brutalo-Game noch Gewaltvideo.
“Final Fantasy” ist eine Videospielserie, die es seit nunmehr 20 Jahren gibt. Der Film, den die Mecklenburger Jugendlichen sich vor ihrer grausamen Tat anschauten, baut auf der Episode VII aus dem Jahr 1995 auf. Der siebte Teil der Saga ist ein vielschichtiger Öko-Thriller, in dem es hintergründig um den rücksichtslosen Eingriff des Menschen in die Natur und in die Genetik geht. Vordergründig findet sich die Heldentruppe in einer gefährlichen Welt mit Monstern und High-Tech-Bedrohungen wieder, denen sie sich mit Kämpfen zu erwehren versucht. Die Gewaltdarstellungen im Spiel sind nicht besonders eindringlich: Erstens wird rundenbasiert (Active Time Battle) gekämpft, zweitens wird kein Blut gezeigt, drittens ist der Zeichenstil comichaft gehalten. Und auch der Film, der letztes Jahr auf UMD und DVD veröffentlicht wurde, zeigt, obwohl die Helden ebenfalls meist im martialischen Verteidigungskampf mit Hilfe von Fantasiewaffen gegen die entfesselte Natur gezeigt werden, keine eindringlichen Szenen, in denen das blutige Resultat von Meuchelei zu sehen wäre.
Die Diskussion um Gewalt fördernde Medieninhalte gibt es schon länger. Früher, auf dem Zenit der VHS-Kassetten, sprach man von “Brutalos”, jetzt eben von Ego-Shootern. Und immer wenn ein furchtbares Ereignis wie gerade eben passiert, schwappt die Welle hoch. Dabei ist die Zahl der Gewaltverbrechen seit Jahren rückläufig, die neue Qualität der Gewalt überstrahlt jedoch in der Wahrnehmung deren Häufigkeit. Final Fantasy, das in seinen 20 Jahren Existenz Abermillionen begeisterter Fans gewann, gehört definitiv nicht zu denjenigen Inhalten, denen man eine gewisse aggressionsfördernde Wirkung zusprechen kann. Erst wenn man mehr über die Gründe erfährt, warum denn überhaupt Aggressionen da sind, die sich fördern lassen, warum jemand im Wald Rollenspiele mit klirrenden Schwertattrappen durchlebt, warum jemand sehen will, wie es ist, jemanden umzubringen, erst dann lassen sich Massnahmen ergreifen. Oder anders gesagt: Verbietet man “Killerspiele”, schliesst man in der Lebenswelt des Jugendlichen ein Ventil. Die gestaute Luft sucht sich dann einfach einen anderen Weg, um zu entweichen.
Quellen (direkt aus dem Firefox-Bookmarks-Manager exportiert, deshalb etwas wüst):
Dossier Tessin/Medien&Gewalt/FinalFantasy
- Archiv Sendung vom 22.01.2007, 10vor10, SF1
- BusinessNews | Leben
- NDR – Bluttat in Tessin: Ermittlungen in alle Richtungen
- NDR – Bluttat in Tessin: Ermittlungen in alle Richtungen – Die Staatsanwaltschaft hat noch keine Hinweise auf ein Motiv für die Bluttat von Tessin. Die Ermittlungen laufen in alle Richtungen auf Hochtouren, teilte der Oberstaatsanwalt mit..
- Jugendstraftaten Weniger Gewalt als 1985 – Wissen – sueddeutsche.de
- Jugendstraftaten Weniger Gewalt als 1985,Die Jugendstraftaten nehmen keineswegs zu – im Gegenteil.
- Jugendgewalt ''Eine neue Art der Aggressivität'' – Wissen – sueddeutsche.de
- Jugendgewalt ''Eine neue Art der Aggressivität'',Viele Menschen sind überzeugt: Es wird immer schlimmer mit der Jugendgewalt. Ein Interview mit dem Kinder- und Jugendpsychiater Franz Joseph Freisleder.
- Late Night: Tessin-Geisel bei Günther Jauch: „Ich habe das für einen Scherz gehalten“
- Nach dem blutigen Doppelmord in Tessin, schilderte die 15-jährige Eyleen in „Stern TV“ ihre Erlebnisse. Sie war von ihren Mitschülern als Geisel genommen worden. Aus eigenem Wunsch trat sie nun vor die Kamera, um einiges richtig zu stellen.
- Bluttat von Tessin Schüler sahen vor Tötung Gewalt-Video an – Panorama – sueddeutsche.de
- Bluttat von Tessin Schüler sahen vor Tötung Gewalt-Video an,Stundenlang war sie Geisel von zwei Schülern gewesen, die ein Ehepaar niedermetzelten. Gestern sprach die 15-Jährige Eyleen über den brutalen Vorfall.
- Final Fantasy VII – Wikipedia, the free encyclopedia
- FINAL FANTASY VII ADVENT CHILDREN
- www.final-fantasy.de | Final Fantasy Universe by Gamigo.de
- Final Fantasy Universe – der beste und aktuellste Content, die heißesten Specials, exlusive Downloads rund um das große Final Fantasy Universum
- Vorlesung 1390 /1391 GEWALT IN DEN MEDIEN Inhaltsfolie Inhaltsfolie Definition „Medienwirkung“
Papst verurteilt Gewalt in Killerspielen – PCTipp
Tags: 10vor10, aggression, Aufgeschnappt, benedikt, boulevard, Deutschland, esseff, games, gaming, gewalt, journalismus, katharsis, killerspiele, medien, medienwirkungsforschung, modelllernen, papst, perversion, religion, schweiz, sf, sueddeutsche, Telespiel, tessin, thesen, videospiele
26 Jan 2007 /
Allgemein
Offenbar ging diese Agenturmeldung an allen Abonnenten (= alle wichtigen Schweizer Medien)…
—–Original Message—–
From: sda-ats-News-Service [mailto:system@sda-ats.ch]
Sent: Freitag, 26. Januar 2007 12:48
To: XXXXXXXXXX
Subject: Abmeldung für Mittagspause
Abmeldung für Mittagspause
Das Büro Aarau meldet sich für die Mittagspause ab. (12.30 Uhr).
Spätestens um 13.30 Uhr ist das Büro wieder besetzt.
Telefon Büro ist auf das Händy umgeschaltet.
(En Gruess, Thomas)
(sda – ga/rdn507/in/4/note/070126 1233)
zugespielt von einem höheren Wesen, einem deutschen Fernsehsender und einem Drudel, der einen Zürcher Publizistikwissenschaftler in ein paar Jahren zeigt;-))
Tags: journalismus, presseagentur, sda
21 Jan 2007 /
Allgemein
Ein Journalist kann nicht alles wissen (will er auch gar nicht). Der Journalist kann auch nicht alles erklären (vor allem das, was er nicht weiss). Einem Journalisten wollen wir auch nicht alles glauben (sicher besser so). Für diese Fälle hängen in den Redaktionsbüros Listen mit Experten für alle möglichen Fragen. Diese Fachleute haben in der Regel nichts dagegen, im Medium zitiert zu werden. Publikum und Redakteure trällern in Harmonie: “Wenn’s der Experte sagt, muss es ja stimmen”.
Es gibt Experten, die mit einiger Penetranz in allen möglichen Medien erscheinen. Dies ist, neben einer naturgegebenen Ausstrahlung, das Resultat sorgfältiger Medienarbeit und kompetenter Wissenschaftskommunikation. Ratgeberbücher wie dieses hier raten angehenden Unternehmenskommunikatoren, der zu werden, den man fragt. Mir sind in letzter Zeit vor allem zwei Künstler des Expertentums aufgefallen, die auffällig häufig eine Platzierung erhalten haben:
- Claude Longchamp
“Der Mann mit der Fliege” tritt immer im Vorfeld von Wahlen und Abstimmungen aufs Medienparkett. Vor allem im Schweizer Fernsehen, was nicht verwundert, da die SRG häufig Auftraggeber für die Studien ist, die Longchamp mit seinem Institut gfs.bern durchführt (und es relativ wenig Meinungsforschungsinstitute in der Schweiz gibt, die mehr als Marktforschung betreiben). Aktuell ist er häufig wegen der zweiten Befragungswelle des “Wahlbarometers” zu sehen. Das gfs.bern verschliesst sich auch nicht vor neuen Kanälen, um die Botschaft und das Produkt an die Leute zu bringen, und führt das Kommunikationsblog, welches an dieser Stelle schon einmal vorgestellt worden ist.
- Daniel Jositsch
Egal ob Pitbull- oder Swissair-Prozess: Daniel Jositsch ist wohl momentan der Superstar unter den Strafrechtsexperten. Nicht erst seit seinem wöchentlichen Auftritt in der Dok-Sommerserie “Ungelöste Kriminalfälle” auf SF ist Jositsch der, den die Medien anfragen, wenn es um Straftaten geht.
Die meisten Medienbeauftragten kommerzieller Firmen können von so einem Bekanntheitsgrad nur träumen. Auch der Schweizer Blogosphäre, obwohl selten (aber zumindest manchmal) Grund für Schlagzeilen, fehlt eine solche charismatische Referenzperson für die Medien. Wobei mit Peter Hogenkamp fürs Blog-Business und mit Matthias Gutfeldt für die langjährigen Beobachter und Szene-Aktiven schon zwei Kandidaten dabei wären. Aus den Reihen von SwissBlogPress sähe ich als effektiven Kommunikator gegen aussen vielleicht Leus Mund.
Tags: Aufgeschnappt, Blogonautik
16 Jan 2007 /
Allgemein
Endlich hört das mal auf mit dem blöden Datenschutz ;-)
Ergänzung 16.05 Uhr: So kleine Tippfehler wie Piracy/Privacy enthüllen manchmal ganz neue Aspekte. Dass die Eindämmung der Piraterie mit Einbussen in Sachen Datenschutz einhergeht, ist klar, sollte aber nicht so kommuniziert werden.
Jetzt, da es das Pendlerblog nicht mehr gibt…
Schweiz startet Kampagne gegen Piraterie
Kampf gegen Fälschungen und illegale Kopien: Mit einer Kampagne wollen Wirtschaft und Behörden die Öffentlichkeit für dieses Übel sensibilisieren, das jährlich Millionenverluste beschert.
«Stop Piracy», die «Schweizer Plattform gegen Fälschungen und Piraterie», hat am Dienstag in Zürich ihre Ziele und ihre erste Kampagne vorgestellt. Kein Wirtschaftszweig sei heute mehr von Fälschungen verschont. Die Palette der Fälschungen reicht von Luxusgütern über Software, Musik und Videos bis zu Arzneimittel, Spielzeuge oder Autoteile.
Zwischen 2002 und 2005 hätten sich die Fälle von am Schweizer Zoll konfiszierter gefälschter Ware auf 572 fast verzehnfacht auf einen Marktwert von 10,3 Millionen Franken. Immer mehr Konsumenten in der Schweiz werden laut der neuen Vereinigung Opfer von Nachahmern.
Deshalb haben Wirtschaft und Bundesbehörden im letzten Sommer «Stop Privacy» [Hervorheb. reidan] gegründet. Einerseits soll den Fälschern durch verstärkte Kooperation zwischen Wirtschaft und Justizbehörden zu Leibe gerückt werden. Andrerseits will die Vereinigung laut Mitteilung mit ihrer am Dienstag gestarteten ersten nationalen Kampagne die Bevölkerung sensibilisieren.
Pub: 16.01.07; 09:33 / jcg Akt: 16.01.07; 09:33 Quelle: SDA/ATS
Quelle: http://www.20min.ch/news/schweiz/story/16421838, via einen Arbeitskollegen, zuletzt besucht 16.05 Uhr
15 Jan 2007 /
Allgemein
Auf seiner Website schreibt das Restaurant Post in Bözen:
wir garantieren Ihnen seriöse Unterhaltung und viel Freude
Wie seriös ich mich unterhalten habe, sei dahingestellt. Was das Restaurant aber ganz sicher empfehlenswert macht, war das feine und stets hübsch dekorierte Menü, das bei unserem alljährlichen und nie im Dezember stattfindenden Weihnachtsessen mit der Firma am Freitagabend aufgetischt wurde.
Es war ein generischer Firmenanlass, wie ich ihn schon von anderen Firmen kannte: Typischer Jahresrückblick mit (verdienter!) Lobeshymne in Sketch-Form, beschwipste Kollegen, in der Einsamkeit verlorene Fotografen und andere Soziopathen, Flirtkonstellationen da und dort. Und eben sehr leckeres Essen.
Das Weihnachtsessen bei sunrise (ich habe temporär im Frontoffice Core Network gearbeitet) musste man sich erst bei Teambildungsmassnahmen “verdienen”. Beim “Team Spirit” ging es darum, mit zusammengewürfelten Leuten aus anderen Abteilungen zusammen an der Lösung von Problemen zu arbeiten. Im einen Jahr waren dies Denksportaufgaben, die auf einem Fussballfeld aufgestellt waren. Im anderen Jahr schickte man uns auf einen Velo-OL rund um den Flughafen Kloten. Erst danach warteten die Powerpoint-Präsentation und das (ebenfalls sehr schmackhafte) Essen.
Möchte ein Leser von seinem “etwas anderen” Firmenanlass berichten?
Tags: Aufnehmen_und_Ausscheiden, Fabrik
15 Jan 2007 /
Allgemein
Mein Vater ist seit über 30 Jahren in der Schweiz. Zwar hat er mich, Quasi-Secondo und schweizerisch-italienischen Doppelbürger, seine Muttersprache nicht gelehrt, dafür bietet er mir immer wieder interessante Einblicke in den Fremdsprachenerwerb. Zum Beispiel mit dem Wort “prülla” in Sätzen wie “musche nit prülla”. Gemeint ist nicht das, wonach es tönt, sondern das Weinen, schweizerdeutsch “brüele”, nicht etwa “brüllen”.
MusicStar-Kandidatin Börni hat Sonntagabend jedoch die Ballade “Because of you” von Kelly Clarkson interpretiert. Was Detlef Soost als “Aggressivität” bezeichnete, dem würde ich gerne das Verbum “prülla” zuordnen. Es war halb geflennt, halb gebrüllt (andere schreiben sowas dazu). Ach, die schöne Ballade. Dabei könnte die Kandidatin wirklich singen. Ansonsten haben mich Brian, Sandra und Fabienne gesanglich beeindruckt.
Auch in Tschörmanie hat wieder eine Castingshow begonnen. Bei “Deutschland sucht den Superstar” darf Bohlen wieder derb beleidigende Sprüche klopfen, für die er von empörten Kandidaten auch mal eine kalte Dusche kassiert – die Kamera natürlich immer feste drauf. Es werden mit Clips, Website, Klingelton und anderem Pipapo gezielt Kultfiguren wie Johanna aufgebaut, die zwar nicht singen können, aber von sich behaupten, nicht nur die Haare, sondern auch die “Möpse” schön zu haben.
Und darum geht’s doch – warum sonst sollte man eine deutsche Castingshow unter anderem auf Mallorca produzieren? Zum Prülla.
Tags: Aufgeschnappt, bohlen, casting, dsds, esseff, musicstar, musik, rtl, sf, show, tv