Der Verein “Swissblogpress” hat seine Tätigkeit aufgenommen. Ich habe schon mal viel Erfolg gewünscht. Der Ziele sind einige, hoch gesteckte. Die Erzeugung von (medialer) Aufmerksamkeit zum Beispiel. Mitglieder sollen zudem von gemeinsamen Marketingmassnahmen, Rechtsberatung und Wissensaustausch profitieren können.
Soll ein positives Image für die Blogger geschaffen und irgendwann als verlagsähnliche Organisation Geld verdient werden, so ist publizistische Qualität unerlässlich. Das leuchtet uns allen ein. Aber warum ist dann der Leumund dabei? Hehe…
Mag sein, dass die Person Christian Leu viel zum Prosperieren des Blognetzwerks beitragen kann, aber sein Weblog ist nach eigener Aussage “relativ wirr“. Und Glaubwürdigkeit schafft das nicht gerade, von anderen etwas zu verlangen, was in Gründerreihen bereits verwässert ist.
Halten wir mal dieses Weblog, das kleine, herzige von mir, gegen die Aufnahmekriterien des Vereins:
Swissblogpress (sbp) ist ein Netzwerk von etablierten und unabhängigen Blogs.
und an anderer Stelle
Wir nehmen insbesondere Blogs auf, die folgende Kriterien erfüllen:
* Mindestalter 12 Monate
* Regelmässige Aktualisierung
* Bezug zur Schweiz
* Qualitativ hoch stehend in einem spezifischen Themenbereich
* Bereits vorhandener LeserkreisIn Ausnahmefällen nehmen wir aber auch neue Mitglieder auf, die noch nicht alle Kriterien erfüllen. Viermal jährlich findet ein Aufnahmeverfahren statt. Auf diese Termine hin stellt der Vorstand Anträge an die Vereinsmitglieder über Aufnahme von neuen Blogs.
Mindestalter 12 Monate? Ha, Spin Doctor DRE (ehemals Laestermaul) gibt es seit Anfang 2004. Es wird regelmässig aktualisiert, wenn auch momentan in zeitlich etwas längeren Intervallen. Der Bezug zur Schweiz ist sehr hoch in meinem Weblog. Einen Stammleserkreis habe ich auch, halt einen kleinen. Am selben Punkt, an dem auch leumund.ch scheitert, scheitert dieses Weblog. An der Themenvielfalt. Wer auf der Suche nach hochwertigen Informationen zu bspw. Gadgets ist, der besucht ein Gadget-Blog. Ich habe auch schon über Gadgets geschrieben. Ich kann den daran interessierten Leser aber nicht binden, denn kommt er zurück, liest er in den nächsten Posts etwas über Steissbeinfisteln oder Briefkastenspam. Ich schreibe nicht gern nur über Publizistikwissenschaft, und selbst wenn ich darüber etwas schreibe, möchte ich das auch ein wenig lockerer tun. Wenn ich mich jedoch für ein spezifisches Thema entscheiden müsste, würde ich mich für das Thema “Sprache” begeistern.
Na ja, und dann kommt noch das Selbstverständnis: Es handelt sich um “etablierte” Blogs. Wären diese Blogger etablierte Akteure in der Herstellung von Öffentlichkeit, hätte der Verein nicht gegründet zu werden brauchen. Und wären sie etabliert, wären Blogs nur halb so spannend. Ich nehme aber an, dass sich “etabliert” auf das autarke Biotop der Schweizer Blogosphäre bezieht. Dann ist die Aussage schon ok.
Diese hohen Aufnahmehürden verleihen den Mitgliedern einen Hauch Exklusivität und strahlen Prestige aus. Und wieder einmal hat Charles Lewinsky den Nagel auf den Kopf getroffen:
“Und was liegt dann näher, als dass wir uns mit anderen Nichtarschlöchern zusammentun, um gemeinsam das Wahre, Schöne, Gute zu pflegen? (…) Vermutlich sassen schon im Neandertal drei Höhlenmenschen um ein Feuer, nagten an einem Mammutknochen, wiegten bedächtig die Köpfe, und dann sagte einer: “Wisst ihr was, Leute? Ausser uns dreien gibt es doch nur Volltrottel. Keiner von denen wird je das Rad erfinden. Ich schlage vor, wir treffen uns jeden Mittwoch nach Sonnenuntergang in der Fledermaushöhle und bringen dort gemeinsam die Evolution voran.” Und dann wählten sie einen Ersten Vorsitzenden, einen Zweiten Vorsitzenden und einen Kassierer und waren ein Verein. (…) “Exklusiv” heisst “ausschliessend” – und wer anders soll ausgeschlossen werden als die Arschlöcher? (…) Denn jede Gruppe, die erfolgreich operiert, zieht neue Mitglieder an. Sie würden in Schlangen vor der Türe stehen, sich gegenseitig die Anmeldeformulare aus den Händen reissen und alles tun, um in den erlauchten Kreis (…) aufgenommen zu werden. Und früher oder später würden die Hüter des minimalen A-Quotienten Kompromisse machen.
aus: Lewinsky, Charles: Der A-Quotient. Theorie und Praxis des Lebens mit Arschlöchern. Haffmanns Verlag, Zürich, 1994.
So, jetzt bewerbe ich mich um eine Teilnahme. Was biete ich dem Netzwerk? Jede Menge, aber vor allem die Fähigkeit zur Selbstkritik.


Oktober 26th, 2006 at 21:16
ja, ich auch gespannt, wie sich die Sache entwickelt.
Ich wünschte mir von so einem Verein Plattformen zur Vernetzung in die übrigen Blogsphären.
Und obwohl es “Swissblogpress” heisst, ist es doch sehr deutschlastig, oder?
Oktober 26th, 2006 at 21:18
stimmt, corporate language sollte rumantsch sein. je déteste les welsch. ;-)
Oktober 26th, 2006 at 21:26
Wir sollten dass direkt in die Statuten aufnehmen! Steht Lewinsky unter CC?
Oktober 26th, 2006 at 21:30
Die Passage mit dem leumund – Blog wollte ich ebenfalls publizieren, aber ich habe mich nicht getraut, beziehungsweise, ich fand keinen Weg, bei dem ich niemanden zu fest auf die Füsse trete. Aber da es ja gestandene Mannen sind, hätte ich mir das erlauben können. Das hast ja jetzt aber Du gemacht und ich bin erlöst ;-)
Oktober 26th, 2006 at 21:31
Nein, der Comedy-Autor will mit solchen Texten Geld verdienen. Und weil er nicht unter Creative Commons steht und ich so viel zitiert habe, möchte ich Euch beitreten und von Eurer Rechtsberatung profitieren.
Oktober 26th, 2006 at 21:38
Ja Roman, ich habe versucht, nicht die Person, sondern nur die Teilnahme des Blogs bei swissblogpress kritisch zu hinterfragen. Dieses Mal, hihi…
Oktober 26th, 2006 at 22:01
[...] Ein paar sehr gute Gedanken zu diesem Thema hat sich auch reidan notiert. [...]
Oktober 27th, 2006 at 13:46
Sobald ihr dann alle aufgenommen seit könnt ihr ja dann meinen Ausschluss verlangen. Hmm, wird für die Aufnahme jetzt schon wieder die Mehrheit oder einstimmig verlangt. Muss ich mal die Statuten lesen. Dass ich Kritikfähig bin habe ich schon mehrmals bewiesen und vielleicht ist Qualität auch etwas über längere Zeit zu tun. Was weiss ich. Vielleicht werde ich Roman noch den Posten meines gefeuerten Lektors anbieten. :-)
Oktober 27th, 2006 at 17:08
Wie gesagt leu: nicht persönlich nehmen. Mein Weblog kann gar nicht aufgenommen werden – es würde Euren Statuten ebenso widersprechen…
Oktober 27th, 2006 at 23:32
swissblogpress ist ein gut gemeintes und tolles projekt. aber leider ziemlich unausgegoren und schwammig. mehr dazu (sehr viel mehr) steht in meinem blog.
Oktober 28th, 2006 at 07:20
“Die Blogs sollten sich auf ein Thema fokussieren und nicht einfach Gedanken verwursten.”
Zum Glück darf ich noch einach Gedanken verwursten.
Oktober 28th, 2006 at 18:00
Beat: Deine Gedankenwurst schmeckt mir gut!
Bugsierer: Gäuesi, auf eigene Posts linken ist so schrecklich Blog 1.0., deshalb verweise ich selbst auf Ihren lesenswerten Post.
Oktober 28th, 2006 at 21:50
och weisst du, ich habe gedacht, man kann ja oben auf meinen link klicken und ist dann in meinem blog und findet das ellenlange ding sicher, da ich ja nicht alle stunde ein schnipselchen poste, wo man dann vor lauter posts den blog nicht mehr sieht.
aber merci einewäg und danke für die blumen.
Oktober 31st, 2006 at 09:53
[...] Das mit dem Mindestalter erfülle ich in 17 Tagen, denn, am 16. November 2005 habe ich meinen Blog online gestellt. Lustigerweise habe ich den ersten Beitrag in englisch verfasst. Regelmässig aktualisiere ich ihn, allerdings ist die Zeit etwas knapp geworden. Und auch die RS steht an. Doch dann kann ich ja regelmässig am Wochenende darüber berichten. Bezug zur Schweiz sollte er definitiv haben. Mit dem spezifischen Themenbereich bekunde ich allerdings etwas Mühe, da mein Blog etwas wie der Leumund ist. Auch Spin Doctor DRE (ehemals Lästermaul) sieht dies bei sich auch als “Problem” an. [...]
November 1st, 2006 at 12:31
[...] Nicht nur dem Dogbert und dem Leu, sondern auch mir. Deshalb habe ich jetzt ein Marktschreiermail zur Bewerbung bei Swissblogpress verschickt. Blogonautik Von reidan, 01.11.2006, 08:20 Uhr [...]
Dezember 12th, 2006 at 14:48
[...] Kleiner Exkurs: Die Kommerzialisierung (manchmal auch niedlich «Verkommerzialisierung» genannt) der Schweizer Bloglandschaft schreitet voran, SwissBlogPress rutscht in den für die Meinungsbildung in den Köpfen so wichtigen Slot des Sündenbocks. Dabei verpflichtet sich kein Mitglied, beim gemeinsamen Marketing mitzumachen (es ist lediglich erwünscht, das SBP-Logo auf der Frontseite seines Blogs zu zeigen). Die lobenswerten Ideen, die sich SBP ausser der Vermarktung noch auf seine Fahnen geschrieben hat, werden von Kritikern selten erwähnt. Stänkereien richten sich gegen die Aufnahmekriterien, da Kritiker sich dafür interessieren, ob ihr Blog aufgenommen werden könnte (habe ich selbst auch thematisiert). Natürlich wird das In-Group-Out-Group-Problem verschärft, wenn SBP in einem Mainstream-Printmedium kommuniziert, der Verein sei im gewissen Sinne elitär. Vergessen wir aber eines nicht: Aggregieren bzw. Herden bilden gehört zum Bloggen doch dazu. Ich bin gespannt, wohin meine Herde zieht und hoffe, dass ich im einen oder anderen Moment auch mal an den Zügeln zupfen darf. — Exkurs Ende. [...]