• 26 Sep 2006 /  Allgemein 4 Comments

    Mit dem ß, “Eszett” genannt, haben wir Schweizer nichts am Hut. Da können wir Eigenbrötler stolz darauf sein, denn eigentlich braucht es dieses Zeichen gar nicht. Gar nicht? Einige ökonomisch denkende Schweizer haben das Eszett wieder eingeführt: im SMS. Was mich daran stört, lesen Sie in diesem Blog-Artikel.

    Selbst die Neue Zürcher Zeitung gab die Setzung des Eszett Mitte der Siebziger Jahre auf (siehe auch DaF-Blog). In der Schweiz sind alle ß durch ss ersetzt; diese Regelung ist amtlich.

    Beim Redigieren von Pressetexten aus dem deutschsprachigen Ausland, was ich fürs Geschäft oft tun muss, führe ich deshalb meist ein globales “Suchen-und-Ersetzen” durch, um sicher zu gehen, dass ich alle Eszetts getilgt habe. Denn unser Geschäft bedient nur Kunden in der Schweiz. Im unterhaltsamen Buch “How To Be A Star” von “Weltwoche”-Kolumnist Mark van Huisseling findet man allerdings trotzdem Eszetts, obwohl das Buch beim Schweizer Verlag Nagel und Kimche erschienen ist. Dies aus dem Grund, da der Buchverlag auch Leser in Österreich und Deutschland bedienen möchte (und mittlerweile einem deutschen Verlag gehört).

    Und ich habe noch mehr Schweizer gefunden, die das Eszett nutzen. Zwei, drei Leute aus meinem Umfeld benutzen das Eszett in ihren SMS, die sie mir schicken (hoffentlich schicken sie mir nach diesem Post immer noch SMS…). Und zwar setzen sie das Eszett immer dort, wo ich ein Doppel-S schriebe. Nun, das Eszett spart immerhin ein Zeichen, und SMS sind immer noch verhältnismässig teuer. Aber sie tun das auch, wenn sie nur ein kurzes Sätzchen verfassen. Nur weil man in der Schweiz jedes Eszett durch ein Doppel-S ersetzt, heisst das noch lange nicht, dass man jedes ss umgekehrt zu einem ß machen darf. Der Wikipedia (ein tolles Ding!) ist dieser Trend auch schon aufgefallen.

    Seit Inkrafttreten der neuen deutschen Rechtschreibung ist das korrekte Setzen des Eszetts nicht nur für Deutsche und Österreicher einfacher geworden, nein – es leuchtet sogar mir ein, obwohl ich das Eszett nicht verwenden muss. Ein Eszett wird geschrieben, wenn der vorangehende Vokal lange ist (einschliesslich einem Diphtong), das Doppel-S zeigt an, dass der vorangehende Vokal kurz ist. In der Verbform “muss” muss deshalb ein Doppel-S gesetzt werden, sonst hat man schon fast Brei (“Mus”). Und beim Beispiel aus dem Titel, “wissen”, schreibt man ebenfalls ss, da das i kurz ist. Sonst, wenn das i lang wäre, fände man sich nämlich auf der Münchner Theresienwiese in einem Bierzelt wieder (“Wiesn”). Hingegen müssen es Rußpartikel sein, es sei denn, man hätte einen Osteuropäer zerstückelt (Kleinteile eines Russen). Und zum Schluss noch fehlt ein Beispiel für Eszett nach Diphtong, also bitte: “Steißbeinfistel”. Standardsprachlich ist das so, aber es lässt sich natürlich nicht ausschliessen, dass manche Wörter (z.B. “Geschoss”) in manchen Dialekten mit einem langen, geschlossenen und in anderen mit einem kurzen offenen Vokal gesprochen werden.

    Lautlich gesehen übrigens handelt es sich um exakt denselben stimmlosen alveolaren Frikativ “s”. Der Unterschied zwischen ss/ß und s besteht nicht in der Länge (sie “zischen” genau gleich lang), sondern in der Unterscheidung zwischen stimmlosem und stimmhaftem s. Vor allem Schweizer tun sich schwer, den Unterschied zwischen einem s wie in “Summe” und einem ss wie in “Stuss” herauszuhören. Genau genommen funktioniert auch der witzige Vergleich zwischen “wissen” und “Wiesn/Wißen” nicht, denn beim bayerischen Namen fürs Oktoberfest ist das s stimmhaft.

    Posted by reidan @ 14:07

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4 Responses

WP_Blue_Mist
  • Beat Says:

    Bis zu deinem Post hatte ich geglaubt, die Regel verstanden zu haben. Bei “die Russen” ist das “u” kurz. Es müsste also heissen: die “Rußen”. Bei “Russpartikel” ist das “u” lang, also wäre “Rußpartikel” falsch.

    Bin verwirrt…

  • reidan Says:

    kurzes, offenes u (Russen) -> ss
    langes, geschlossenes u (Ruß) -> ß
    langes, geschlossenes u in der Schweiz (Russ) -> ss

    Ich zitiere mich selbst:

    Ein Eszett wird geschrieben, wenn der vorangehende Vokal lange ist (einschliesslich einem Diphtong), das Doppel-S zeigt an, dass der vorangehende Vokal kurz ist.

  • Beat Says:

    Mein Kopf ist wieder in Ordnung, habe vorhin einen Denkfehler gemacht. Ist natürlich umgekehrt, das Eszett wird nach langen, nicht nach kurzen Vokalen gesetzt. Rußpartikel und Russen also korrekt. *ups*

  • reidan Says:

    macht doch nicht’ß! ;-)

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