• 12 Jul 2006 /  Allgemein 3 Comments

    Christian Lüscher, Diplomand an der Zürcher Fachhochschule Winterthur, lädt auf blogsurvey.kaywa.ch zur Beantwortung von 18 Mehrfach-Fragen ein. Planen Sie ca. 10 – 15 Minuten dafür ein, wenn Sie sich zur Teilnahme entscheiden.

    Hintergrund
    Themen sind die Motivation zum und das Verhalten beim eigenen Bloggen sowie die Nutzungsmodalitäten von verschiedenen Informationsquellen. Laut Lüscher ist die Befragung nur ein Teil des Forschungsprojekts. Der zweite Teil besteht aus einer inhaltsanalytischen Betrachtung ausgewählter Weblogs. Das Ganze beruhe auf zwei publizistikwissenschaftlichen Theorien (von mir nach Beantwortung des Frabos gemutmasst: Agenda-Setting und Uses-and-Gratifications).

    Methodische Schwierigkeiten
    Die Validitätsproblematik von Online-Fragebögen ist in der Wissenschaft hinreichend bekannt (Stichworte: Selbstselektion, Manipulierbarkeit. Schon etwas älter, aber immer noch brauchbar: Batinic 2000). Da die Grundgesamtheit der Schweizer Blogger in ihren Merkmalen und der Quantität nicht bekannt ist, kann keine repräsentative Stichprobe gezogen werden. Als Explorativstudie kann sie aber mit deskriptiven Daten Grundlage zu weiterer Hypothesenbildung werden. Praktisch für den Forscher: Die Webbefragung ist bei einem gehosteten Service abgelegt. Damit liegt das Hauptaugenmerk bei der Fragebogenerstellung wieder dort, wo es sein sollte: Bei der adäquaten Operationalisierung der Hypothesen und nicht bei Budgetierung, Installation, Konfiguration und Skinning eines PHP-Scripts. Die Daten kommen, so verspricht der Anbieter, am Schluss in einem Format heraus, das man in Excel oder SPSS exportieren und dann dort analysieren kann.

    Berechtigte und unberechtigte Kritik
    Der Schweizer Blog-Papst (das gefällt mir immer noch so gut!) warf dem Studi gestern mangelnde Transparenz vor. Das war berechtigt in dem Sinne, dass nicht klar war, ob das jetzt irgendein Marketing-Fritze oder ein Studi oder wer auch immer durchführt. Der Autor hat diese Kritik beherzigt und einige Details über die Studie offen gelegt. Zu viel über die Hypothesen sollten die Teilnehmer allerdings nicht wissen, da dieses Wissen das Antwortverhalten beeinflusst (Stichwort: soziale Erwünschtheit).
    Matthias bemängelt weiter, dass ein “automatisches Fertigumfragescript” verwendet wird. Sandros Replik pflichte ich völlig bei. Es ist ökonomischer und man hat mehr Zeit bei der Erstellung der Fragen und der Fragebogendramaturgie, was, entgegen der landläufigen Meinung, eben nicht jeder kann. Bei manchen Fragen fehlt eine Kategorie “nichts davon”, was den Teilnehmer dazu zwingt, eine Option auszuwählen, die er so gar nicht unterschreiben kann. Das ist unvorteilhaft, da gebe ich Matthias recht. Mir persönlich gefiel nicht, dass manche Items anstatt der Frequenz nur den Grad der Zustimmung abfragten (zum Beispiel die nach den gebloggten Themen).
    Was uns das bringen soll, will Matthias weiter wissen. Ist ja klar, eine gute Abschlussnote für Christian Lüscher. Dem ist in erster Linie egal, ob dank Bologna alles flacher wird. Ernsthafter: nichtrepräsentative Aussagen über eine Auswahl an Bloggern, deren Motivationen zum eigenen Bloghandeln und deren Informationsquellen.

    Howto?
    Wichtig wird jetzt sein, dass er die Daten auf dem korrekten Skalenniveau und mit den korrekten Koeffizienten auswertet und präzise, verwertbare Daten über die teilnehmenden Blogger (über alle geht ja nicht) gewinnt. Das ist nicht nur in der Publizistikwissenschaft wichtig, sondern auch bei den Psychologen und in allen anderen Sozialwissenschaften.

    Posted by reidan @ 01:12

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3 Responses

WP_Blue_Mist
  • Krusenstern Says:

    Ich habe mich aufgrund Deines Postings im letzten Moment an der Umfrage beteiligt. Mal schauen, ob Christian auf vergleichbare Ergebnisse kommt wie Matthias Armborst vom Netzwerk Recherche…

  • reidan Says:

    Ich glaube, wenn man dessen Fragestellung und resultierende Thesen betrachtet, kann man die beiden Studien sowohl methodisch als auch inhaltlich nur schwer mit einander vergleichen. Dennoch ist selbstverständlich möglich, dass man ähnliche Aussagen tätigen kann.

  • Laestermaul » Blog Archive » gfs.bern-Sozialwissenschafter auf Blogmission Says:

    [...] Mitarbeiter von gfs.bern, des renommierten Forschungsinstituts “für Politik, Kommunikation und Gesellschaft”, schreiben seit fast einer Woche im Kommunikationsblog. Tapfer kämpfen die Autoren des neu gegründeten Weblogs gegen Missverständnisse in der Anwendung und Ergebnisinterpretation von Methoden der empirischen Sozialforschung. Das ist sinnvoll. Denn nicht nur, dass Blogger mit Begriffen wie Validität, Reliabilität und Repräsentativität nichts anzufangen wissen (vgl. auf Laestermaul etwa hier oder hier), nein, leider tappen oft auch Journalisten im Dunkeln. Oder sie kritisieren scheinbare Studienresultate, die von den Forschern gar nie ermittelt wurden. [...]

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